Wildunfall mit Folgen


Windeby. Samstagabend, um 22:15. Anruf der Polizei-Regional-Einsatzleitstelle Kiel: Hallo, wir haben einen Wildunfall an der K57 zu melden. Der Unfallfahrer ist noch vor Ort; das Reh soll noch leben.“ „Alles klar, wir fahren gleich raus.“

Mit dieser Meldung geht es wieder los. Ich hole die Nachsuchen-Waffe aus dem Tresor und lege sie mit der Nachsuchen-Leine für Drahthaarhündin Carla ins Auto. Meine Frau schnappt sich das „mobile Büro“ mit den Wildunfallbescheinigungen, Carla ins Auto, Heckpack ran und los.

Aha, da blinkt die Warnblinkanlage des Unfallverursachers. 2 junge Männer, die uns aufgeregt in die Sachlage einweisen. Meine Frau kümmert sich um das „bürokratische“, während ich die Stelle in Augenschein nehme, in der das Stück Wild eben noch geraschelt haben soll. Ja, ich kann es hören. Tief unten in den Weißdornbüschen und Gestrüpp des Straßenknicks raschelt und knackt es. Natürlich auf der anderen Knickseite, zur abgemähten Wiese hin gelegen. Nütz nichts, ab durch das Gestrüpp, dort wo es einiger Maßen begehbar ist und dann hinunter auf die untere Wiese. Immer wieder ein tolles Vorhaben, mit Waffe und Taschenlampe. Ja, da liegt es! Eingekeilt zwischen Ästen und Zweigen blicken mich die Lichter eines Rehhauptes leidend an. Der lange Riss in der Bauchdecke und die daraus hervorquellenden Gedärme lassen nur noch die schnelle Erlösung zu. Der Schuss peitscht durch die Nacht und gleich danach ist es wieder still in der Natur. Wir geben dem erlösten Tier die Zeit zum Verenden und ziehen es dann herunter auf die Wiese. Hier sehen wir das Ausmaß des Elends. Eine führende Ricke mit einer milchprallgefüllten Spinne. Es muss also ein vor wenigen Tagen gesetztes Kitz hier irgendwo in den Wiesen liegen und Bange auf sein Muttertier warten. Wenn es kommt, dann kommt es aber auch immer… Die Ricke wird von uns geborgen, nach Hause gefahren, versorgt und untersucht.

Am nächsten Morgen geht es früh mit den Hunden raus. Wir treffen uns mit Rasmus, dem Reviernachbarn an der Unfallstelle. Kurze Beratung. Wir sind uns schnell einig: das Kitz muss in der Wiese liegen, von der aus die Ricke vor das Auto gelaufen ist. Fast alle anderen Wiesen sind ja auch vor 2 Tage gemäht worden. Wir waren noch stolz, dass wir die Kitze zuvor abgetragen und dadurch keines totgemäht worden war. An der Wiesenzufahrt teilen wir uns auf. Meine Frau Doris sucht mit Carla die rechten Wiesenseite, Rasmus mit seiner Dackelhündin Rübe die Wiesenmitte und ich mit meinem Foxterrierer Sammy die linke Wiese ab.

Die Hunde arbeiten ruhig und konzentriert. Vor Sammy geht ein Hase hoch und fliegt über die Wiese. Es dauert, bis ich den Terrierer wieder ruhig habe. Er kennt das aber von der Schweißausbildung. Ruhe, Ruhe, Ruhe! Weiter geht es. Sammy wird plötzlich lang, zieht abrupt vor meinen Beinen nach rechts hinüber und steht wie angewurzelt vor. Er zieht sogar elegant den rechten Vorderlauf an, der kleine Affe. Ja, da liegt es.

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Ein erst wenige Tage altes Bockkitz duckt sich im Gras und blinzelt scheu zu mir hoch. Ich trage den Hund ab und winke die anderen herbei. Die Sachlage ist klar. Wir erkennen, dass die Spur der Ricke direkt von hier über die Wiese zur Unfallstelle führt. Das ist ihr Kitz erklärt Doris. Ich nehme daraufhin das Bockkitz auf und trage es zum Auto.jaco-Wildunfall-05-2015-Uwe-Jacobi-mit-Rehkitz..jpg

Dabei wird es aber lebendig. Es fiept schrill nach dem Muttertier und will schlegeln. Nicht mit mir, junger Mann. Ab in die leere Hundebox von Sammy und sogleich ist auch wieder Ruhe.

Doris ruft bereits beim Notruftelefon der Tierauffangstation in Kappeln-Weidefeld an und meldet uns dort an. Die 35 Kilometer dorthin sind schnell gefahren. Am großen Tor der Tierauffangstation werden wir abgeholt.

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Die engagierten Tierschützer und Wildtieraufzucht-Experten Patrik Stein und Vivien Quade übernehmen den kleinen Kerl.

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Nach kurzer, aber gründlicher Eingangsuntersuchung wird das Bockkitz in den Ruheraum verbracht.

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Für uns ist die Sache damit abgeschlossen. Für die Mitarbeiter der Tierauffangstation, unter Leitung von Frau Dr. Umlauf, beginnt die Arbeit jetzt erst. Wir kennen die äußerst engagierten Mitarbeiter der Tierauffangstation in Kappeln-Weidefeld (http://www.tierschutzbund.de/organisation/einrichtungen/weidefeld.html) schon von anderen Rettungseinsätzen mit Wildtieren und sind im Tierwohl freundschaftlich mit ihnen verbunden.

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Patrik erklärt uns, dass er das ca. 7 Tage alte und 3300 Gramm schwere Bockkitz ab nun so alle 3 bis 4 Stunden – Tag und Nacht! - mit der Flasche aufpäppeln wird. Lämmeraufzuchtmilch bekommt der Kleine, wenn wir wieder weg sind und sich die Aufregung gelegt hat.

Mittlerweile hat unser kleines Bockkitz von den Mitarbeitern der Tierauffangstation seine Taufe erhalten. Sein Name ist PAUL.


 - Uwe Jacobi -

Öffentlichkeitsreferent der Kreisjägerschaft Eckernförde e. V.



Autor: Uwe Jacobi