Eine Spätsommer-Pirsch mit Überraschungen


… laut dröhnen die Motoren… - nein, in die Richtung brauchst du heute nicht deinen pirschenden Schritt zu lenken; da wird der letzte Weizen abgedroschen. Pech – denn gerade in dem Kornfeld hielt sich über Wochen der starke Schaufler auf. Ich meinte in ihm einen alten Bekannten wiedererkannt zu haben. In zwei Folgejahren gelangen mir von ihm gute Sommerbilder. Im letzten Jahr war der Hirsch verschwunden, ich hatte ihn schon „abgeschrieben“. Alte Bekannte wieder zusehen macht Freude … denn der Damschaufler prahlte mit interessanten Geweihen. Er hatte seinen Sommereinstand in ein kilometer- entferntes Revier verlegt. Zu gerne wollte ich heute nachschauen, ob er bereits gefegt – also sein Geweih vom Bast befreit hatte. Nun denn, der ist vergrämt und fortgezogen.







Wo mag er seinen neuen Einstand genommen haben? Vielleicht im Wildacker – da im stillen Winkel am nahen Wald …?



Die Kanzel direkt am Waldrand bietet guten Einblick ins Blütenmeer aus Sonnenblumen, Flachs, Malve, Phacelia, Ringelblumen und auch Buchweizen. In diesem Paradies aus Kräutern stehen doch gerne Reh und Damhirsch … !
Vorsichtig die Luken ohne Knacken und Knarren geöffnet und erst ’mal einen Rundblick genommen … herrlich diese Blütenpracht. Wer weiß schon, dass so ein Wildacker ca. 400 Insektenarten Lebensraum und Nahrung bietet.



Und davon profitieren u.a. die Schwalben, die unablässig hin- und her schwirrend auf Beutefang sind.
Doch so sehr das Fernglas über und ins Wildkraut schaut – kein Rehrot und kein Schauflergeweih zu sehen. Doch das will nichts heißen, der Hirsch kann – sein Haupt gesenkt – tief im Kraut dösen und das Reh in einer Senke unsichtbar, aber doch Kräuter naschend, anwesend sein. So genieße ich erst’ mal die Stille um mich herum. Doch so erfreulich der Anblick von Malve und Sonnenblume auch sind – Reh und Hirsch glänzen durch Abwesenheit. Und so schließe ich geräuschlos die Kanzelluken, öffne die Tür und …. Stehe vor neuer Situation: Ha, da hinten – keine 30 m entfernt – liegt ja ein Reh unter den Buchen - !



Also – Tür wieder zu und alles eben Geschlossene wieder geöffnet. Die Ricke hat nichts bemerkt. Auch das Klicken des Kameraverschlusses hört sie nicht. Und dann folgen Szenen - wahre Sternstunden eines Fotografen. Mutter Reh ist nicht alleine, plötzlich wechseln auch ihre zwei Kitze aus der Deckung. Das bringt die Ricke auf die Läufe. Buckelnd – steckend dehnt sie sich. Dabei fallen mir ihre hageren Flanken auf … zwei Kitze versorgen – das zehrt an der Substanz!



Da wechselt sie auch schon – ihre Kinder zurücklassend – unter der Kanzel durch in den Wildacker.



Hier und da verschiedenes Kraut naschend, stillt sie den ersten Hunger. Und dann beobachte ich eine wahre „Fress-Orgie“ mit Sonnenblumen: ohne viel zu kauen, wird eine Blüte nach der anderen verschlungen … - hat die einen Heißhunger - !





Zwischendurch sich kratzend und auch mal nässend, schaue ich der „Feinschmeckerin“ schmunzelnd zu und Foto um Foto ist im „Kasten“. Plötzlich wirft die Ricke auf und äugt rückwärts schauend Richtung Waldrand … bei Diana, da wechselt ja ein ganzes Rudel Damhirsche am Wildacker entlang - ! Leider ziehen die Hirsche zwar zögerlich, aber ohne Stopp in den Wald und sind verschwunden - schade …!





Und wo ist Mutter Reh? Das Hirschrudel muss sie vergrämt haben. Nun denn, das war ein interessanter Ansitz mit Hirsch-Finale.
Das Geschaute nachsinnend pirsche ich heimwärts. Aus dem Wald herauskommend bleibe ich stocksteif stehend – Kahlwild äst auf dem Grünstreifen … doch ein Alttier hat mich bald bemerkt. Ja, Kahlwild - gerade Führendes – ist besonders aufmerksam! Nach kurzem Verhoffen springt das Rudel zurück ins Holz – Pech für mich.



Doch Diana – die launische – versöhnt mich alsbald: in der Ferne motort noch leise der Mähdrescher, der weite Weizensschlag ist fast geschafft. Bei der rasanten Technik verliert das Wild von heut’ auf morgen die Sommereinstände – es trifft sie der „Ernteschock“ … resümiere ich so.



Ha – was kommt denn da über die Rapsstoppeln? Pooh, eine Rotte Sauen - ( Foto v. Fr. Well. v. Ahlefeld)
Hat der Mähdrescher sie aus dem Weizen vertrieben … oder von woher kommen die Wildschweine …? Stimmt es also doch, dass sich die Sauen so langsam über die ganze Region verbreiten! Also, die Jäger sind gefordert! Sicherlich bereichern sie die hiesige Wildbahn, doch sie müssen zielgerichtet bejagdt werden, sollen die Schwarzkittel nicht zur Plage werden!
Heimwärts schlendernd danke ich Diana für soviel abwechslungsreichen Anblick - das ist einem nicht alle Tage vergönnt.


Peter Wohlert



Autor: Peter Wohlert