Rehkitzdrama auf Schnaap


 Wer ruft denn im Urlaub um diese Zeit schon an?!?

Es ist 06:15 Uhr; Doris – meine bessere Hälfte - schält sich aus der Decke und eilt zum Telefon. Mit einem Ohr höre ich verschlafen hin. „Hallo Uta - was, verletzt an der Straße! Wir kommen sofort raus.“

Aha, Wildunfall mit noch lebenden Wild. Nun aber raus aus den Federn. Kurze Info von meiner Frau: „Uta vom Hof Schnaap hat angerufen. Im Schnaaper Weg soll ein verletztes Reh am Straßenrand liegen“.

Meine Frau überprüft kurz das „mobile Büro“ mit den Wildunfallbescheinigungen, während ich die Nachsuchenwaffe mit der Munition aus dem Tresor hole.

Auf Rasieren wird heute Morgen verzichtet. Eile ist geboten – unnötige Schmerzen sind abzukürzen.

Auf den 5 Fahrminuten in den Schnaaper Weg der nächste Anruf auf dem Handy meiner Frau. „Ja Michael, wir wissen Bescheid, wir sind gleich vor Ort.“

Dann fahren wir den Schnaaper Weg entlang. Gleich hinter den beiden riesigen Eichen links und rechts des Schnaaper Weges, dem Tor zu Schnaap, sehen wir das Elend schon. Mitten auf der linken Fahrspur liegt ein zusammengerolltes Rehkitz.

Anhalten, Warnblinker an, Warndreiecke aufstellen, routiniert wie bei jedem Wildunfall laufen die ersten Sicherungsmaßnahmen ab. Nun kommen wir zum Kitz. Ein kleines Häufchen klitschnassen Elends liegt da zitternd zusammengerollt auf der kalten Teerstraße. Das Kitz ist völlig unterkühlt. Es muss hier schon über längere Zeit so gelegen haben. Es zeigt jedoch Reaktionen auf unsere Annäherung und Berührung. Wir sind ganz allein an der Unfallstelle. Kein Verursacher befindet sich - wie bei unseren sonstigen üblichen „Einsätzen“ vor Ort.

Nach einer ersten kurzen Untersuchung des Körpers und der Gelenke sind wir uns einig, hier kann noch geholfen werden - die Waffe bleibt daher im Auto!

In die Hundedecke gewickelt legen wir das Kitz in den Laderaum unseres Kombis neben die Hundebox und dann geht’s ab nach Hause.

Die große weiße Wildwanne wird im Schuppen platziert und mit Wolldecken ausgepolstert. Während ich das Kitz aus dem Auto hole, hängt meine Frau schon die Rotlichtlampe über die Wildwanne.

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Die Wärme tut dem Kitz offensichtlich gut und bereits nach 10 Minuten kommt es von selbst auf die Läufe. Bei gutem Licht folgt nun eine Gesamtaufnahme des Gesundheitszustandes. Das Kitz ist agil; Knochenbrüche sind nicht erkennbar. Die Lichter (Augen) sind jedoch rot entzündet und das Kitz „schnoddert“ bei jedem Atemzug im Windfang (Nase). Schweiss (Blut) ist nicht sichtbar. Das Kitz hat bereits weit über 1 Kilogramm Körpergewicht. Am kleinen Haupt (Kopf) ist an der rechten Seite eine verkrustete schmale Wunde erkennbar. „Sieht aus, als hätte heute Nacht ein Auto das Kitz beim Überqueren der Straße touchiert“, mutmaßt meine Frau. Am Unterkiefer kann ich rechts eine leichte Schwellung fühlen. Dem kleinen Kitz scheint diese Berührung unangenehm zu sein.

„Es lohnt sich“, sage ich zu meiner Frau. „Ruf Frau Dr. Umlauf von der Tierauffangstation in Weidefeld, an. Wir fahren es dann rüber“.

Kurz darauf kommt meine Frau in den Schuppen zurück. „Frau Dr. Umlauf wartet auf uns. Ihre Tierärztin hat sie bereits verständigt“.

Auf geht die Fahrt. Das Kitz liegt warm in Wolldecken gewickelt in der Wildwanne.

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Natürlich will Lennard unser Sohn auch mitfahren. Er hat mir zuvor im Schuppen auch bei der Untersuchung des Kitzes assistiert.

Die 35 Kilometer sind schnell gefahren. Viel Verkehr ist noch nicht unterwegs. Dann kommt endlich das große Tor der Tierauffangstation in Weidefeld in Sicht.

Wir werden bereits erwartet. Frau Dr. Umlauf öffnet das große Tor und winkt uns herein. Ihre Mitarbeiterin Madeleine Kulpe steht schon mit Decken in der Hand bereit.

Nun folgt eine kurze Bestandsaufnahme und schriftliche Übergabe des Kitzes. Alles muss seine Ordnung haben. Da wir die Jagdausübungsberechtigten auf Schnaap sind, durften wir uns das Kitz aneignen und hierher verbringen. Dies lässt sich Frau Dr. Umlauf in ihrem Aufnahmebogen von meiner Frau natürlich schriftlich bestätigen.

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In der Zwischenzeit ist Tierpflegerin Madeleine Kulpe bereits mit dem Transporter rückwärts an mein Auto herangefahren. Sie trägt zusammen mit meiner Frau die Wildwanne zum Transporter.

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Hecktüren zu und ab geht die Fahrt zur bereits wartenden Tierärztin Heike Madsen in Gelting.

Für uns ist die „Rettungsaktion“ damit abgeschlossen. Für die Mitarbeiter der Tierauffangstation um Frau Dr. Umlauf beginnt die Arbeit jetzt erst.

Wir kennen die engagierten Mitarbeiter der Tierauffangstation in Weidefeld (http://www.tierschutzbund.de/organisation/einrichtungen/weidefeld.html) von anderen ähnlichen Aktionen mit Wildtieren.

Auf dem ehemaligen Bundeswehrgelände werden in mühevoller Arbeit auch Wildtiere aller Spezies medizinisch versorgt und professionell aufgepäppelt. Die Wildtiere kommen kaum mit den Tierpflegern sowie anderen Menschen in Berührung und können so später mühelos gesund und vital wieder ausgewildert werden. Nur so haben sie eine Chance, anschließend in der rauhen Natur zu überleben.

Eine tolle Arbeit, die hier geleistet wird!

Leider erhielten wir 3 Tage nach unserem „Rehkitz-Einsatz“ per Telefon keine guten Nachrichten von Frau Dr. Umlauf. Trotz aller Bemühungen und ärztlicher Kunstgriffe konnte die Tierärztin unser kleines Kitz nicht retten. Was wir bei unserer ersten Kurzuntersuchung zu Hause nicht feststellen konnten: Das Rehkitz hatte bei dem Unfall einen Kieferbruch und eine Schädelfraktur erlitten. Bei einer so schweren inneren Verletzung konnten auch alle tierärztlichen Anstrengungen nicht mehr helfen.

Ob der Unfallverursacher/in nach dem Rehkitzunfall wohl hat ruhig schlafen können?!? Den Knall am Auto müsste er oder sie auf jeden Fall gehört haben. Zudem müsste die vorweg laufende Ricke, die ihr Kitz über die Straße führte, bemerkt worden sein.

Alle hier im Umkreis wissen, die Jäger/innen kommen zu jeder Tages- und Nachtzeit sofort zum Wildunfall heraus. Warum wurden wir hier nicht sofort verständigt?

Was gibt es doch nur für Menschen…

 

 Uwe Jacobi

Öffentlichkeitsreferent der

Kreisjägerschaft Eckernförde e. V.



Autor: Uwe Jacobi